Erinnerungskultur

Historische Orte, Erinnerungs- und Gedenkkultur, Kollektives Gedächtnis und Quellen.

Auf den ersten Blick scheinen Erinnerung und Gedächtnis doch recht einfach zu erklärende Begriffe zu sein. Beleuchtet man sie jedoch genauer und tiefergehender wird deutlich, dass Erinnerung an Geschichte von verschiedenen Faktoren abhängt und oft mit komplexen und sensiblen Fragen verbunden ist. Zunächst ist mit Erinnerung auch der Imperativ „Aus der Geschichte lernen“ verknüpft. Aber kann sich diesem Imperativ ohne Hinterfragung bedient werden? Grundsätzlich ist ein Mensch lernfähig, sonst würden viele Wissenschaften keinen Sinn ergeben. So kann man auch etwas aus der Geschichte lernen, aber nicht im Sinne konkreter Handlungsanweisungen, sondern eher in Form von Argumenten, welche auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden können.

Noach Flug, der ehemalige Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK), verglich den Prozess der Erinnerung in einer Rede zum 10-Jährigen Bestehen der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ)" mit Wasser. Wasser ist, eine zunächst farblose und geschmacksneutrale Flüssigkeit, jedoch gleichwohl lebensnotwendig – genau wie Erinnerung. Es scheint also zunächst auch nicht verwunderlich, dass Erinnerung ähnlich ist, denn ohne konkrete Bezüge in die Geschichte wäre auch sie nur geschmack- und farblos. Verschiedene Menschen können gleiche Ereignisse ganz unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren. Die Erinnerungen können somit verschieden in Geschmack und Farbe sein, obwohl sie gemeinsam erlebt wurden. Zusätzlich ist auch eine ganz bewusste Falschdarstellung möglich, um bestimmte Vorstellungen der Ereignisse verstärken zu können. 

Verdeutlichen kann man dies an zwei Beispielen aus der Region OWL, der Wewelsburg und dem Stalag 326. Während der NS-Diktatur sollte die Wewelsburg zu einer SS-Führerschule umgebaut werden. Für die Baumaßnahmen wurde ein eigenes Konzentrationslager eingerichtet, in diesem wurden 3.000 Menschen zur Arbeit gezwungen, 1.285 der Häftlinge überlebten die extremen Bedingungen nicht. Die Gedenkstätte Wewelsburg konzentriert sich mit ihrer Erinnerungsarbeit auf die Opfer und ihre Geschichten. Zusätzlich stellt sie das verbrecherische Handeln der SS heraus. Akteure der rechtsextremen und rechtsesoterischen Szene ignorieren hingegen die Zwangsarbeit und das KZ in ihrer Rezeption der Wewelsburg. Sie verweisen auf die Eliteschule und das vermeintliche höchste Kultur- und Bildungszentrum der SS. Ähnlich verhält es sich im Stalag 326 in Stuckenbrock in dem zwischen 1941 und 1945 rund 300.000 (vor allem sowjetische) Kriegsgefangene inhaftiert waren. Die zu schwerster Arbeit gezwungenen Häftlinge überlebten diese in tausenden Fällen nicht. Die heutige Gedenkstätte stellt das Gedenken an die Häftlinge und eine Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten in den Vordergrund. Rechtsextreme Akteure leugnen die Todeszahlen nicht, spielen diese aber deutlich herunter und verweisen auch auf vermeintliche Opfer aus Deutschland. Es wird eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen. Zwar wurde das Lager nach dem Krieg zur Internierung mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher genutzt. Dies steht aber in keinem Verhältnis zu den Opfern des Nationalsozialismus.

Die Beispiele zeigen, dass Erinnerung an Ereignisse oder Orte umstritten ist und immer wieder mit neuen „Erzählungen“ und vermeintlich richtigen Fakten unterlegt werden kann. Dadurch kann sich der Blick auf die Vergangenheit im Lauf der Zeit immer wieder verändern und verschieben. Weiter zeigt sich hieran auch, dass man immer wachsam sein muss, wer welche Erinnerung erzählt und interpretiert. Man darf also die Erinnerungsarbeit rechtsextremer Akteure nicht zu sehr gewichten, da sonst Opfer vergessen und Gründe für Verbrechen verschleiert werden.     

Diese Versuche, den Blick auf den Nationalsozialismus zu verfälschen, werden auch „Geschichtsrevisionismus“ genannt. Hier wird versucht, „neue“ Räume der Erinnerung zu erschaffen, um diese dann als eine Art „eigene Wahrheit/Erinnerung“ präsentieren zu können. Dass diese Räume der Erinnerung einer oftmals gänzlichen Falschheit unterliegen steht außer Frage, ist aber oft nicht so ersichtlich, sodass es durchaus schnell möglich ist, diesen falschen Wahrheiten zu verfallen und nicht kritisch zu hinterfragen.

Rechtsextreme Narrative sind oft mobilisierungsfähig und können geschichts- sowie erinnerungskulturelle Blickwinkel in der „Mitte der Gesellschaft“ prägen. An dieser Stelle darf nie vergessen werden, dass Art und Weise der Quellenauswertung und der Umgang mit Orten der Erinnerung (wie der Wewelsburg) entscheidend für die Frage nach dem Lerneffekt aus der Geschichte ist und dafür, dass sich solche Verbrechen nicht mehr wiederholen. Erinnerungsarbeit ist daher nie beendet, sie muss aufrechterhalten werden, sich immer wieder erneuern und gegen jegliche extremen Einflussnahmen geschützt werden. Eine solche grundsätzliche Selbstverständlichkeit wurde leider vielerorts zu spät realisiert.  

Projekte der historisch-politischen Bildung, wie MyHistoryMap OWL, setzen genau an dieser Stelle an und verfolgen das Ziel, mit allen Teilnehmer*innen Orte mit einer nationalsozialistischen Vergangenheit in Ostwestfalen-Lippe zu besuchen, zu ergründen und ihre Bedeutung, für die Vergangenheit und Gegenwart, zu analysieren. Erinnerung an Opfer und Verbrechen sollen wachgehalten werden und zur Erinnerungsarbeit beitragen. Die Teilnehmer*innen sollen selber Fragen stellen und diese auch im Zusammenhang mit den Orten beantworten, um einen kritischen Diskurs zu fördern. Die Arbeitsergebnisse sollen dann einen Beitrag dazu leisten, dem Ruf nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ (Björn Höcke, AFD) Einhalt zu gebieten und somit geschichtsrevisionistischen Kräften entgegentreten zu können. Es sollen plausible Gegenargumente geliefert und ferner eine kritisch-reflexive Haltung innerhalb der gemeinsamen Erinnerung entwickelt werden. Auch einem „Ruck nach Rechts“, wie der Gesellschaft in bestimmten Bereichen unterstellt werden kann, kann somit entgegengewirkt werden. 

Gedächtnis beschreibt die Fähigkeit, Erlebtes und Gelerntes zu behalten und später anwenden zu können. Es ist somit ein Speicher. Demgegenüber steht die Erinnerung als Prozess, welcher Erlebtes speichert und reflektiert.

Das Gedächtnis ist kein linearer Prozess, welcher strikt nach Vorgabe abläuft, sondern sich dynamisch entwickelt. Dieser Prozess ist ebenfalls in den meisten Fällen subjektiv, eine grundsätzliche Objektivität kann nicht gewährleistet werden, da jede Person aus ihrer eigenen Perspektive Dinge verarbeitet und somit versteht. Dem Gedächtnis kommt dabei aber nicht nur bei der individuellen Erinnerung eine wichtige Rolle zu, sondern auch auf einer gruppenbezogenen, gemeinsamen Gedächtnisleistung. Hieraus entsteht das sogenannte „Kollektive Gedächtnis“. Die Verbindung individueller Erinnerungsleistungen führt zu einer spezifizierten gesellschaftlichen Erinnerung an die Vergangenheit, wie etwa, dass man die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur als eine Zeit des Unrechts und der Verbrechen verortet und das es dies in einer freien Gesellschaft zu verhindern gilt. Diese Idee, dass Gesellschaften über ein solches, sich stetig veränderndes, kollektives Gedächtnis verfügen, geht auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs zurück. Die Basis des kollektiven Gedächtnisses bilden zwei Quellen, welche gesellschaftlich stetig geändert und neu interpretiert werden, das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis.

Das kommunikative Gedächtnis umfasst hierbei alle mündlich weitergebenen Erfahrungen und Traditionen. Durch diese Form der Weitergabe ist es auf einen Zeitraum von rund drei Generationen begrenzt. Diese Grenze ist nicht unbedingt willkürlich gezogen, da in den meisten Fällen die Familien Großeltern, Eltern und Kinder kennen. Manchmal kann es auch vier Generationen umfassen, dies bildet aber eher eine Ausnahme. Es sind vor allem Erinnerungen, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, beispielsweise an den Zweiten Weltkrieg, die Phase des Wiederaufbaus und die junge Bundesrepublik. Andererseits können auch durch genau diese Prozesse extreme Meinungen fortbestehen oder sich neu entwickeln, da ein positives Bild der Zeit vermittelt werden kann. Es steht somit außer Frage, dass individuelle Erlebnisse immer im Gesamtkontext verortet werden müssen. Beispielhaft stehen hier Berichte von Großeltern von den Bombardierungen alliierter Flugzeuge in den letzten Kriegsmonaten. Die Erzählungen von diesen oft traumatischen Erlebnissen, ist legitim, jedoch muss in diesem Kontext immer berücksichtigt werden, dass der Krieg durch die Nationalsozialisten entfesselt wurde. Es sind also direkte Selbstzeugnisse und -erlebnisse, welche hier gefasst werden. Jedoch müssen auch diese immer wieder kritisch reflektiert werden und entsprechend analysiert werden, um sie mit der aktuellen Situation vergleichbar machen zu können oder Schlüsse daraus ziehen zu können. Abschließend kann man sagen, dass das Gedächtnis nicht fehlerfrei ist bzw. nicht fehlerfrei überbracht werden kann.

Hingegen versteht man unter dem kulturellen Gedächtnis alle Niederschriften und Konservierungen für die Nachwelt, also bewusst erhaltenes. Es umfasst somit letztlich den gesamten archäologischen und schriftlichen Nachlass der Menschheit. Folgt man hier Jan Assmann besitzt das kulturelle Gedächtnis einen festen Horizont und wird durch einen Prozess der kulturellen Formung und Institutionalisierung erhalten. Somit kennzeichnet das kulturelle Gedächtnis ein gesteigertes Maß an Formalität und Geformtheit. Tradition und Wiederholung sind als zentrale Begriffe und Konzepte zu sehen. Auch das kulturelle Gedächtnis beinhaltet eine individuelle und eine gemeinsame Ebene. Zum einen als Bildung (individuell) und zum anderen als Ort oder Quelle aus dem Bildung gewonnen werden kann. Auch diese beiden Formen des kulturellen Gedächtnisses unterliegen einem dauerhaften Wandel, je nachdem wie und durch wen der Nachlass interpretiert und verarbeitet bzw. bearbeitet wird.

Es findet sowohl auf der individuellen als auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene eine Förderung und Wandlung des kollektiven, kultur- und vergangenheitsbewussten Gedächtnisses statt. Bedingt wird dies auch durch die vorherrschenden Meinungen und Sichtweisen einer Gesellschaft, das Verständnis der individuellen und kollektiven Gedächtnisbestände ist somit beeinflussbar. 
 

Als Quelle versteht man in der allgemein gültigen Definition von Paul Kirn (Historiker) alle Gegenstände, Texte und Tatsachen, aus denen man etwas über die Vergangenheit gewinnen kann. Die Quellen selbst sind verschieden zugänglich: Während aus einigen Quellen die Informationen förmlich einfach so heraussprudeln, sind andere Quellen sperriger und erfordern eine intensive Arbeit zur Freilegung ihrer Informationen.

Für die Arbeit und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind Quellen unerlässlich. Sie dienen als Zeugnis des Vergangenen, jedoch eine letztlich genaue Definition der Quelle ist Personen abhängig. Konkret bedeutet das, dass es oftmals nicht eindeutig ist, wie die Quellen, also etwa Texte oder Bilder, zu fassen und verstehen sind. Es hängt sehr stark von der Interpretation des jeweiligen Betrachters ab, welche Informationen letztlich aus der Quelle gelesen werden. Das Verstehen der Quellen ist eine komplexe Aufgabe, gerade deshalb ist es aber auch so wichtig, dass Historiker*innen sich intensiv schulen, aber auch geschult werden. 

Quellen können ganz grob in zwei verschiedene Gattungen unterschieden werden: Überrest und Tradition. Der Überrest ist letztlich unmittelbar übriggeblieben ist und nicht absichtlich als Quelle geschaffen, wie im Falle archäologischer Funde. Die Tradition hingegen fasst alles Material, welches absichtlich geschaffen wurde, wie z.B. Tagebücher. Allerdings ist auch hier die Einteilung immer zweckmäßig zu sehen.

Neben dieser übergeordneten Einteilung in Überrest und Tradition ergeben sich weitere Einteilungen, diese können als Fundamentalkategorien bezeichnet werden. Erstens: Texte, also alle Niederschriften der Geschichte – Erinnerungen, Memoranden, Reden und andere geschaffene Texte, welche die Vergangenheit beschreiben und aufzeichnen – zählen ebenfalls dazu. Zweitens: Gegenstände, ein Text kann dies zwar auch sein, jedoch geht es hierbei eher um Gebrauchsgegenstände, Abzeichen, Medaillen, Münzen oder Ähnliches, aber auch bestimmte Orte und Bauwerke können hierzu gezählt werden. Drittens: Tatsachen, etwas schwieriger zu erklären und zu sehen, aber dennoch sehr wichtig, da sie oft auch über das Unterbewusstsein gefördert werden und die emotionale Ebene von Quellen und Erinnerung zeigen. Für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind Tatsachen unerlässlich. Denn auch die emotionale Ebene muss ausgewertet und verglichen werden, da sie tiefer in die individuelle Ebene blicken können. Abschließend muss hier aber noch festgehalten werden, dass sich die drei Kategorien sowohl im Überrest als auch in der Tradition finden lassen. 

Neben diese drei Fundamentalkategorien, empfiehlt es sich noch eine weitere mit aufzunehmen: die Orte. Sie sollten mittlerweile nicht mehr nur als Bestandteil der Gegenstände gefasst zu werden. Das Konzept, welches sich dahinter verbirgt, wird mit Erinnerungsort beschrieben und geht auf einen französischen Historiker zurück. Es geht hierbei letztlich um eine Kombination aus kollektivem Gedächtnis und bestimmten Orten mit geschichtsträchtiger Bedeutung. Dieses Zusammenspiel ist als durchaus prägend für die Erinnerungskultur anzusehen, denn für die Identitätsstiftung einer Gesellschaft, aber auch eines Individuums besitzen diese „Orte“ eine besondere symbolische Funktion. Der Ort darf nicht nur als geographischer Ort verstanden werden, sondern vielmehr auch als eine mystische Gestalt, als ein historisches Ereignis, dessen Verständnis umstritten sein darf.    

Neben der identitätsstiftenden Funktion eröffnen diese „Orte“ eine kritische Reflexion und eine Anregung zur detaillierteren Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur. Fassen kann man dies gut am Beispiel der Wewelsburg: Diese diente während der NS-Diktatur als eine SS-Führerschule. Sie sollte nach den Plänen Heinrich Himmlers zu einer riesigen mittelalterlich anmutenden Burganlage mit einem Radius von rund 635 Metern ausgebaut werden, hierzu wurde ein eigenes Konzentrationslager errichtet. Aufgrund ihrer Lage in OWL, wurde sie als ein ideologisches Zentrum der SS propagiert.

Während sie durch extreme Rechte und Esoteriker zu einem Ort der Gewaltleugnung und von ideologisch höchster Bedeutung verklärt wird, gilt sie für eine weitaus größere Gruppe als ein mahnendes und gegenteiliges Beispiel. Eine Identitätsstiftung erfolgt hier, für die extreme Rechte, auf der Ebene der Überlegenheit, der Monumentalität und einer vorgegaukelten ideologischen Wichtigkeit. Im Gegensatz dazu erfolgt die Identitätsstiftung, für andere, in einer kritischen, reflexiven, abschreckenden und hinterfragenden Weise. Sie steht hier, nach einer Phase der Verdrängung, mittlerweile als ein mahnendes Beispiel für Größenwahn, ideologische Irrwege, Brutalität und einer fehlenden Realisierbarkeit des Nationalsozialismus. 

Historische Orte und Quellen unterliegen sehr stark dem einzelnen Betrachter. Grundsätzlich müssen sie erst einmal als objektiv gelten, jedoch kann diese in den wenigsten Fällen erreicht werden. Durch eine Abhängigkeit von der Betrachtung einzelner, wird über den Gewinn der Erkenntnisse entschieden, somit werden diese Orte quasi automatisch subjektiviert. Durch die anwesende Abwesenheit der Geschichte wird eine Bandbreite an Möglichkeiten eröffnet. Dies trägt dann zu vielen verschiedenen kulturellen Identitäten und Kulturen bei. Dadurch erreicht man die notwendige intensive und lehrreiche Auseinandersetzung mit identitäts- und kulturfördernden Vorgängen innerhalb des einzelnen und des gesamten Gedächtnisses. Im Rahmen dieser Pluralität muss man sich aber auch immer darüber bewusst sein, dass es Akteure gibt, die Geschichte und Art der gesellschaftlichen Erinnerung für ihre Zwecke und Interessen vereinnahmen und instrumentalisieren bzw. missbrauchen. Diese Akteure sind an einer tatsächlichen Aufarbeitung der Vergangenheit nicht wirklich interessiert. Jene Versuche müssen aufgedeckt werden und im Rahmen einer kritisch-historisch-politischen Bildung aufgeklärt werden. 
 

Stellt man sich abschließend die Frage, wie alle oben angeführten Konzepte miteinander verknüpft werden können, landet man unausweichlich beim Konzept „Erinnerungskultur“. Dieses umfasst zunächst einmal den Umgang eines jeden Einzelnen, aber auch der Gesellschaft, mit ihrer Vergangenheit und Geschichte. Ferner stellt dieses Konzept eine Zusammenführung aller bewussten Erinnerungen an Ereignisse, Persönlichkeiten oder historisch wirksame Prozesse dar. Somit ist auch die Erinnerungskultur historisch und kulturell variabel, veränderbar sowie anpassbar. Sie drückt sich in den verschiedensten Formen aus: dem Gedächtnis, dem Austausch oder aber auch in privaten Erinnerungen. Stützen des Konzeptes „Erinnerungskultur“ sind einzelne Personen, soziale Gruppen, aber auch Staat und Nation. Ferner sind die Formen der Aneignung und Vertiefung zentral, hierzu zählen Texte, Bilder, Denkmäler, Bauten, Feste oder auch Rituale. 

Letztlich geht die Erinnerungskultur der zentralen Frage nach: „Was dürfen wir nicht vergessen?“. Diese, durch den Kulturwissenschaftler Jan Assmann formulierte Frage, zeigt auch, dass neben der Erinnerungsfunktion ebenfalls eine identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion zu finden ist. Dies beruht auf der Annahme, dass Erinnerung nur konfliktfrei möglich ist, sofern es Quellen gibt, diese aber eine gewisse Unterscheidung (Differenz) zu dieser aufweisen. Dies ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Schaffung einer kritischen Erinnerungskultur. 

Es darf an dieser Stelle aber auch nicht außen vorgelassen werden, dass die Frage nach: „Was wird vergessen?“ gestellt werden muss, da unser Gehirn nur eine bestimmte Menge an Informationen verarbeiten kann. Da dies notgedrungen zu einem Auslassen vermeintlich wichtiger Aspekte führt, unterliegt die Erinnerungskultur einem Aushandlungsprozess und einem ständigen Wandel. Dinge, die zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig erscheinen, können an einem anderen in Vergessenheit geraten sein, nur um von einem noch späteren wiederentdeckt zu werden. Letztlich muss immer über beide Seite gesprochen werden, über das was im kollektiven Gedächtnis verbleibt und darüber, was in den Hintergrund treten kann. Dabei gilt es auch immer zu bedenken: Erinnerungskultur ist nicht unfehlbar, sie muss ständig korrigiert und hinterfragt werden können. 

Unerlässlich scheint es für eine Erinnerungskultur auch zu sein, sich mit der Vergangenheit kritisch zu befassen. Eine rein positive Erinnerung kann es nicht geben, da hier zentrale und unerlässliche Vorgänge für die Identitätsbildung verloren gehen können. Hier tritt der Grundsatz „aus Fehlern lernen“ erneut sehr gewichtig auf. Es muss sich neben den Erfolgen also auch mit Verbrechen und Versagen beschäftigt werden und somit Opfer- und Täterperspektive aufgegriffen werden. Diese Einstellung ist jedoch nicht universell, in einigen Ländern wird in diesem Zusammenhang ein anderes Vorgehen gefördert.

Es gilt aber neben den Formen der Aneignung die Formen des Ausdrucks zu beachten. Hier sind es Denk- und Mahnmäler, welche auf „positive“ und „negative“ Weise mit der Vergangenheit umgehen. In Bezug auf zentrale Ereignisse wie dem Zweiten Weltkrieg oder der Wiedervereinigung lässt sich gerade in der deutschen Geschichte immer wieder beides finden. Ferner sind hier auch öffentliche Veranstaltungen wie Gedenktage oder die Vergabe von Preisen zu nennen. Somit tragen auch immaterielle Güter zu einer Erinnerungskultur bei, hierzu würden dann auch Namensgebungen öffentlicher Flächen zählen.

Abschließend muss festgestellt werden, dass auch Kontroversen immer berücksichtigt werden müssen. Die Vergangenheit wird immer umstritten bleiben, aufmerksam muss man aber insbesondere gegenüber Versuchen rechtsextremer Gruppen sein, die die NS-Vergangenheit verharmlosen wollen und sie somit aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängen möchten. Polemiken wie etwa vom AFD Politiker Björn Höcke, der das Holocaust Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ verunglimpfte, müssen konsequent abgewiesen werden. Die Erinnerung an die Millionen Opfer muss wachgehalten werden. Dies ist dann auch die Aufgabe der Projekte in der historisch-politischen Bildung.